Text – Der Cafehausschreiber – Samstagnachmittagsschwingung

Wer kennt sie nicht, diese Stimmung, diese Samstagsstimmung, diese Samstagnachmittagsschwingung? Entschuldigt, stimmt, da muss ich wohl erst mal noch etwas mehr an Beschreibung nachreichen, damit euer Kopfkinokarussell in Fahrt kommt.

Ich sitze wieder im Cafehaus, ich bin jetzt wieder der Cafehausschreiber, der aber diesmal an einem Samstag zu Werke geht und ich sitze, wie ihr vielleicht vermuten werdet, in meiner Heimat, ich sitze in der Oberen Stadt in Kronach im Lorla und schreibe, skizziere meine Gedanken, lausche den Klängen im Cafe, höre, wie der Kaffeeautomat den Milchschaum erzeugt, höre, wie röchelnd der Automat sich bemüht den gut duftenden, den frischen Cafe genußfertig werden zu lassen, so dass er seinem Schicksal überführt werden kann, so dass er in den formschönen Lorlacafetassen gefüllt werden kann, um verköstigt zu werden. Es ist sehr schön anzuschauen, wie sich der frische Cafe in den Tassen präsentiert, so weiss, so rein, so neu, so unverbraucht, so gut duftend, um den Gaumen der Gäste zu erfreuen.
Ich sehe Paare, die sich angeregt unterhalten, ich sehe Paare, die sich schweigend gegenübersitzen, in ihre mobilen Begleiter blickend und sich mit diesen kleinen technischen Helferlein beschäftigend, anstatt sich gegenseitig Aufmerksamkeit zu schenken. Welche neue Welt, welch moderne Welt und obwohl ich sehr technisch geprägt bin, so wünschte ich mir manchmal die gute alte Zeit zurück, wo man noch Tinte und Blätter nutze, wo die Familie noch eine echte Familie war, mit vielen Kindern, wo der Vater mittags nach Hause kam, um mit der gesamten Familie gemeinsam zu Mittag zu essen, wo viele Generationen noch unter einem Dach gemeinsam lebten, wo man sich umeinander sorgte, umeinander kümmerte, wie schön diese Zeiten mir doch heute erscheinen, wenn ich Pärchen mit Smartphone sehe, die sich nichts mehr zu sagen haben, einfach schweigen. Es hat bei mir lange gedauert, bis ich verstand, dass ich ein totaler Familienmensch bin; meine Familie, meine Freunde, eine Frau und ein Kind sind mir schon immer wichtig, ja fast schon heilig gewesen, aber, ja, wenn das Wörtchen aber nicht wäre, gleich mehr dazu.

Zunächst zurück zu den modernen Pärchen, zurück zu der Kommunikation per Smartphone. Ich frage mich bei diesen Anblicken immer, ob sie sich wohl gegenseitig Nachrichten schicken? Schön wäre es schon, denn dann könnte man davon ausgehen, dass noch ein Mindestmass an Kommunikation stattfindet, an gemeinsamer Kommunikation. Kommunikation, das miteinander Teilen, das Mitteilen, ein wichtiger Faktor, wenn nicht sogar der Indikator schlechthin, wie intakt eine Beziehung, wie intakt die Verbindung zwischen Mann und Frau ist. Es wird da sowieso aus meiner Sicht viel zu wenig miteinander gesprochen, ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen, da habe ich selbst vieles falsch gemacht.

Dieses Wochenende steht ganz im Zeichen der Kunst. Ich male jetzt endlich mal wieder nach längerer Pause, ich nehme den Pinsel erneut in die Hand, da es jetzt endlich an der Zeit ist,  um zu malen. Jetzt bin ich auch vom Inneren heraus in der Lage, um malen zu können. Denn in den letzten gut eineinhalb Jahren habe ich zwar so einiges an Kunst in Form von Photos, Lyrik, Texte ‘in die Welt gebracht’, aber das Malen lief so gut wie gar nicht; auf gut Deutsch, ich war blockiert, ich war richtig blockiert und die Malstimmung, die ich im Normalfall benötige, die war in weiter Ferne gerückt. Ein paar Freundschaftswerke, Freundschaftsdienste, habe ich dann zwar doch fertigstellen können, das war ein Bild für meinen ehemaligen Chef an der UNI Bonn, das er seiner Frau schenkte, das waren auch ein paar Geschenke und ein paar kleinere Auftragswerke, auch der Bürgermeister von Kronach hat eine Aquarell von mir bekommen, das Lucas Cranach d. Ä. zeigt, aber das Malen an sich, so, wie ich es früher gewohnt war, das stellte sich einfach nicht ein. Der Rhythmus macht’s beim Malen, zumindest bei mir, aus, das Innere muss stimmen, das Außenherum muss auch passen, das Familiäre muss stimmig sein, dann geht es, dann kann man, dann kann ich malen. Warum fiel es mir so schwer in der jüngsten Vergangenheit zu malen? Tja, das ist eigentlich schnell erzählt und einfach zu verstehen, aber häufig liegt das Schwere in der Einfachheit. Das Schicksal nahm seinen Lauf und so kam es, dass ich mich von meiner Frau trennte. Eigentlich ging es mehr von ihr aus, denn ich bin da mehr ein sehr konservativ eingestellter Mensch. Ich habe ja zu ihr gesagt und ich hätte diese Verbindung nicht gelöst, auch, wenn Dinge nicht gut liefen, eine Trennung war von meiner Seite aus undenkbar. Aber gut, das Schicksal ist so, wie es ist und es läuft so, wie es soll. Sicher, ganz sicher, viele Mängel lagen da bei mir, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und die eingangs erwähnte Kommunikation, also der Mangel an Kommunikation, das waren grosse Themen, die ich nicht verstand und auch nicht umsetzen konnte, daher kann ich sie, meine Exfrau, auch gut verstehen mit dem Schritt den sie gehen wollte, den Schritt der Trennung.

Damals, wie heute, wenn ich zurückblicke, kann ich ihr auch nichtmal böse sein, im Gegenteil, ich konnte und kann es gut verstehen, was sie tat und warum sie es tat, denn eigentlich konnte ich noch nie jemanden richtig böse sein auf dieser Welt und erst recht nicht meiner ehemaligen Partnerin. Wir waren zehn Jahre zusammen und das ist schon eine lange Zeit, da ist man Freund und Partner zugleich. In dieser Zeit habe ich dann auch sehr viel von ihr gelernt, sie hat mich auch sehr gut unterstützt und bestärkt. Aber dann doch getrennt, nicht mehr da, das Vertraute war weg, die Samstagnachmittagsschwingung, die viel von Familie, viel von Verbundenheit hatte, sie war auch aufgelöst, verschwunden, einfach weg, nur noch aus Erinnerungen bestehend, real verflüchtigt, wie morgendlicher Novembernebel im Sonnenschein.
Eigentlich witzig, wenn ich das jetzt so betrachte, zurückblickend, denn sie, meine Exfrau, war es dann auch, die mich zum Malen brachte, denn eigentlich hatte sie für sich die erste kleine Malausrüstung gekauft und sie hatte dann auch ein paar Bilder gemalt, die ganz gut waren, wie ich fand, aber sie hat dann aufgehört und  nicht mehr weitergemalt und so stand die Ausrüstung nur noch in unserer Wohnung herum, unbeachtet in der Ecke. Eines Tage dachte ich mir, versuch es doch auch mal, das Zeug ist ja schließlich da, bevor es kaputt geht, hat ja auch Geld gekostet, der Franke kam in mir durch und so nahm ich die Farben auf die Palette auf, den Pinsel in die Had und malte ein paar Weihnachtsgeschenke für die Verwandtschaft, es waren damals Lotusblüten und ich war von Pinsel und Farbe so in den Bann gezogen, so dass sich daraus eine meiner Lieblingsbeschäftigungen entwickelte. Aber nachdem die Trennung mit meiner Frau kam war es aus und vorbei mit der inneren Malstimmung, es fehlte etwas, die Gewohnheit wieder alleine zu sein, ich weiss, viele sagten mir, du bist nicht allein, was auch stimmt, aber dennoch es war anders, ich, der Familienmensch, schlagartig alleine, alleine in der Fremde, denn Bonn, das Rheinland, war nicht meine Heimat, ich hatte Freunde, Bekannte, gute Freunde, gute Bekannte, sehr gute Arbeitskollegen, aber irgendwie war ich dann doch alleine, ich, der Familienmensch. Das Thema Familie und wie wichtig dieser Punkt für mich wurde, das war mir nur damals überhaupt nicht klar, ich hätte das nie für möglich gehalten, aber mit dem Lauf der Zeit und nach der Trennung, nach der Scheidung, wurde mir klar, dass ich ein Familienmensch bin. Ich glaube sowieso, dass das einer der Sinne unseres Daseins auf der Welt ist, eine Familie zu haben, gemeinsam durchs Leben zu gehen, sich gegenseitig zu unterstützen, sich zu achten, sich zu schätzen, wenn es dem anderen schlecht geht ihn zu trösten, zu stärken, ich glaube das ist ein Teil vom Sinn des Lebens. Aber leicht gesagt, es gibt da halt auch das Schicksal, das uns seinen Lauf vorgibt und so saß ich dann drin in dieser Rolle, alleine, darüber nachdenkend, was der Sinn von allem ist, was meine Fehler waren, denn mir war auch klar, dass ich die Mängel finden sollte, um es dann später besser machen zu können. Familie, diese Samstagnachmittagsschwingung, sie ermöglichte mir das Malen, so konnte ich malen, doch dann war alles anderes.

Jetzt, wo ich mich wieder in der Heimat befinde, hat sich vieles verändert. Ich bin wieder geerdet, ich bin wieder unter Freunden, guten Freunden, Bekannten, alles hat sehr viel von Familie, es hat sehr viel von Vertrautheit und es ist wieder innerlich stabil geworden. Ich jetzt sitzend, in Kronach, in meiner Heimat, kurz vor dem Moment, wo es wieder anfängt, das Malen. Man weiss ja selbst nie, was das Schicksal so bringt, was es noch parat für einen hat, aber hier in der Vertrautheit unter netten, lieben Menschen, Freunde, Bekannte, Familie, dort ist alles anderes, dort herrscht sie wieder, dort nehme ich sie wieder wahr, die Samstagnachmittagsschwingung.

Freunde, ich mach das im Normalfall nicht, da ich niemanden reinreden will und auch nicht reinreden kann, aber gedenkt das, was ihr habt, falls ihr Menschen um euch herum habt, die ihr mögt, die ihr schätzt, so sagt es ihnen auch ab und an, achtet auf sie, schenkt ihnen Aufmerksamkeit, redet miteinander, nicht per Smartphone, nutzt das real Live, falls ihr eine Freundin habt, dann sagt ihr, dass ihr sie liebt, habt keine Angst vor der Zukunft, wenn eure Gedanken ständig bei ihr sind, dann lasst die Vernunft mal einen Augenblick bei Seite, nehmt sie in den Arm, sagt ihr, was ihr für sie empfindet und gebt ihr einen Kuss, sie wird euch verstehen. Wenn ihr eine Frau habt, schenkt ihr ein Lächeln, schenkt ihr ein gutes Wort, führt sie mal wieder aus und zeigt ihr, wie toll sie ist. Ich habe da sehr viel versäumt, da ich ängstlicher bei diesem Thema geworden bin, aber lasst das mal alles weg, nichts ist, wie es ist, alles ist änderbar. Küsst und umarmt eure Liebsten, sagt ihnen das, auch wenn ihr glaubt, dass sie es wissen, sagt es ihnen, schenkt ihnen ein gutes Wort. So langsam stelle ich an mir selbst fest, dass ich wieder weich im inneren werde, der Eisblock im Herzen ist am schmelzen. Ich hab euch alle lieb, denn heute ist sie, heute ist die Samstagnachmittagsschwingung, die Familienessenz schlechthin. Fühlt euch gedrückt, umarmt und geküsst…

Stenor, in der Heimat, geerdet und mit der Samstagnachmittagsschwingung, die schon verloren geglaubt war.

Euer Stenor aus Cranach

  2 Replies to “Text – Der Cafehausschreiber – Samstagnachmittagsschwingung”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Translate »