Text – Erich Kästner: ‘Fabian. Die Geschichte eines Moralisten’ – aber eigentlich mit dem Titel: ‘Der Gang vor die Hunde’

Autoren, Maler, Schriftsteller, Lyriker, kurzum, die Künstler sind das Gewissen der Zeit, der Gegenwart, oder sollten es zumindest sein. Erich Kästner und 1931, ein sehr erfolgreiches Künstlerjahr für ihn und zu dieser Zeit erschien auch sein Werk mit dem Titel: ‘Fabian. Die Geschichte eines Moralisten’, aber der ursprüngliche Titel war: ‘Der Gang vor die Hunde’, wurde so jedoch vom Verlag nicht gedruckt, nur in der veränderten, abgeänderten Version, sogar ein gesamtes Kapitel wurde gestrichen und ihr könnt euch sicher denken warum. Die Frage, die ich mir häufig stelle ist, wie moralisch sind meine Sichtweisen, was ist mein Standpunkt und ist dieser noch richtig und falls ja, bin ich abgewichen oder nicht, sprich, ich hinterfrage mich und hinterfrage natürlich auch die Zeit, die Zeit in der wir gerade leben. Vielleicht leben wir ja gerade wieder in so einer Zeit, wie es 1931 der Fall war, nur wir sind so abgestumpft, so demorealisiert, so desinformiert, sprich verwirrt, dass wir dies überhaupt nicht bemerken. Was wäre, wenn dem so wäre?

Wenn ich an 1931 denke und mich in diese Zeit geistig zurückversetze, so drängt sich mir immer einer Frage auf und zwar die Frage: ‘Wie hätte ich damals gelebt, gehandelt und was hätte ich getan?’ Das ist natürlich unter den heutigen Umständen sehr schwer zu sagen, denn es ist etwas völlig anderes eine Sache von außen zu betrachten, als sie aus der Mitte heraus zu erleben. Es sind halt nur theoretische Überlegungen, aber vielleicht ging es vielen Damals so, wie es uns heutzutage ergeht, wir spüren einfach nicht, was tatsächlich los ist, da wir mittendrin leben und die schleichenden Veränderungen kaum bis überhaupt nicht mitbekommen, so wie der Frosch, der sich im Wasser befindet, das langsam erhitzt wird. Irgendwann kocht das Wasser dann schließlich auch, dann ist aber der liebe Frosch leider tot.
Vernunft, Moral, Tugend, Mitmenschlichkeit, Menschenrechte und so weiter, das sind universelle Werte, die außerhalb jeder Beschränkung liegen sollten, wie zum Beispiel dem Finanzsystem. Aber wer macht darauf aufmerksam oder wer sollte darauf aufmerksam machen, wenn Dinge anders laufen als sie ursprünglich laufen sollten? Ich glaube, dass die Autoren, die Schriftsteller, die Lyriker, die Maler, die Fotografen, kurzum die Künstler die Pflicht haben die aktuelle Zeit, in der sie leben, genau zu analysieren und aufmerksam zu machen. Ich versuche ja auch das, was mich bedrückt, immer in Lyrik nieder zuschreiben damit andere sich dann auch Gedanken zu diesem Thema machen können, das ich lyrisch behandelt habe. Das ist dann sozusagen mein Teil, den ich leiste, um aufmerksam zu machen. Aber ein Moralist bin ich, so denke ich, wahrscheinlich nicht, ich bin nur bemüht als ein Freigeist nach moralischen Prinzipien zu leben, was nicht immer so einfach ist. Hoffen wir nur, dass es nicht der Gang vor die Hunde ist, den wir noch nicht einmal mitbekommen…

Stenor aus Cranach

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