Text – Der Cafehausschreiber – Multilokalität und das Mystische im Alltäglichen in Kronach

Gestern Abend habe ich mal wieder am eigenen Leib erlebt, wie mystisch und wie geheimnisvoll manchmal unter ganz bestimmten Umständen das scheinbar oft nur von uns als etwas alltägliches Wahrgenommene sein kann. Häufig bin ich am Freitagabend in der Oberen Stadt in Kronach unterwegs und jedesmal wirkt diese mittelalterliche Stadt unterschiedlich auf mich. Das liegt an den Geräuschen, am Licht, am Wetter und auch an den Menschen, die mir auf dem alten historischen Kopfsteinpflaster begegen, wenn ich meine Runden drehe. Der Klang dieser alten Steine unter meinen Füssen ist an sich schon etwas sehr Vertrautes, denn hier habe ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht und viele Erinnerungen aus vergangenen Tagen sind mit dieser Oberen Stadt verbunden. Hier kenne ich fast jeden Stein persönlich, hier ist der Klang dieser Steine noch sehr vertraut, wenn er durch das Beschreiten von hochhackigen Damenschuhen angeregt wird und Geräusche von sich gibt. Dieser ganz spezielle Hall, der schallt und wirkt immer sehr lange nach. Auch oder besonders in den Zeiten in denen ich mich fernab der Heimat befinde. Schottland, New York, London, Rom, alle diese Orte haben sehr alte, sehr historische Gebäude und Orte, wo man die Geschichte und die Natur mehr als nur spürt. Aber das alte und vertraute Kopfsteinpflaster in der Oberen Stadt ist mir immer noch am liebsten und viele alte Steine in der Ferne erinnerten mich stets an meine Heimat, an meine Obere Stadt. Gestern war es eine ganz besondere Abendstimmung, die ich, wenn ich jetzt darüber nachdenke, so noch nicht wahrgenommen habe in der Oberen Stadt, wie es gestern Abend der Fall war. Es war eine sehr intensive Empfindung, eine starke innere Verbindung zu meiner Heimat, zu meiner Oberen Stadt, die ich spürte.

Leichter Reger, gedämpftes Licht, in der Ferne gleichmässiger Reifenklang auf dem Asphalt, Frauenschritte – wahrscheinlich High Heels – zischten, wie die Klänge eines ungarischen Peitschehiebs durch die Luft, Hundegebell in weiter Ferne und plötzlich stand er vor mir. Cranach, es war kein geringerer als Lucas Cranach d. Ä. – stimmungsmässigig hätte es auch Vlad III. sein können, denn das Licht, die Umgebung, die Geräusche waren wie aus vergangener Zeit in Rumänien.
Ohne grosse Schwierigkeiten hätte man gestern, selbst mit den relativ einfach ausgestatteten Kameras eines Smartphones, einen spannungsgeladenen Film aufnehmen können und wären da nicht die Abrollgeräusche der Reifen auf dem Asphalt zu hören gewesen, so hätte es auch ein historischer Film aus dem vergangenen Jahrhundert werden können. So mystisch, so geheimnisvoll.

Wie ihr wisst, ich bin ein sehr visuell geprägter Mensch und halte viele Augenblicke per Photo fest und Dank der Smartphonetechnologie sind kaum Unterschiede zu den teuren DSR erkennbar. So ist dann auch die hier dem Artikel beigefügte Aufnahme auf dem Rathausplatz in Kronach entstanden und sie vermittelt relativ gut diese ganz besondere Obere-Stadt-Stimmung. Ich finde es sowieso sehr inspirierend, wenn ich am Abend oder in der Nacht draussen unterwegs bin, um die Architektur, den Ort, die Menschen, falls dann noch welche unterwegs sind, auf mich wirken zu lassen. Da bin ich wahrscheinlich König Ludwig II. sehr ähnlich, denn er war auch ein Mensch, der die Nacht liebte, der gerne nächtens unterwegs war, was natürlich für seine Diener und für sein Personal nicht immer einfach zu handhaben war, denn er stand sehr oft gegen Nachmittag ca. 16 Uhr auf und dann begann sein Tag. Sein Tages- und Zeitrhythmus kommt meinem Biorhythmus sehr nahe, aber in der heutigen Zeit kann man das nur sehr schwer realisieren. Damals als ich noch Student war, da war es besser und da habe ich häufig die Nacht zum Tag gemacht, was wiederum meinem Rhythmusgefühl sehr entgegenkam. Die Nacht zum Tag. Ja das ist auch das, was mir in letzter Zeit wieder häufiger widerfährt. Etwas zunehmend im Moment sind meine nächtlichen schriftstellerischen Tätigkeiten – ich bin halt doch irgendwie ein Nachtmensch und das Schreiben, das Kreative gelingt mir in der Nacht ganz gut.

Die Text, die ich hier für meinen Bog schreibe, das Schreiben an sich, wie ich es jetzt handhabe, das hat sich damit einhergehend auch etwas verändert. Früher hatte ich, wenn ich als Cafehausschreiber die Themen niederschrieb immer den inneren Anspruch den Text im Cafe zu schreiben, ihn dort zu finalisieren, um in dann direkt aus dem Cafehaus online zu stellen. Das mache ich jetzt nicht mehr so strikt, wie dies noch vor ein paar Wochen der Fall war. Vielmehr schreibe ich jetzt gut und gerne an unterschiedlichen Texten parallel, lege sie auf Halde und schreibe sie an anderen Orten weiter oder finalisiere sie und stelle sie dann online. Häufig gehen die Texte tief in der Nacht online und sie werden dann aus meinem Atelier fertiggeschrieben und gerade jetzt in der etwas kühleren Jahreszeit geschieht dies relativ häufig beim Knacken des Feuerholzes in meinem Holzofen. Multilokal, meine Texte sind dann sozusagen multilokal verfasst. Es ist für mich selbst auch sehr spannend zu sehen, wie sich das ‘Experiment’ Schreiben so weiterentwickelt. Im Moment schreibe ich ja relativ viel Text, die Lyrik steht etwas hinten an, aber da kann man so gesehen als Künstler auch nur versuchen die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Im Moment macht mir das Schreiben von Texten sehr viel Spass und somit schreib ich mir eben die Dinge von der Seele.

Dem Alltäglichen schenken wir im Normalfall nicht mehr so viel Beachtung und Aufmerksamkeit. Ich denke wir sollten das nicht mehr so handhaben, wir sollten das ändern. Wäre ich am vergangenen Freitagabend nicht so klar und wach gewesen als ich durch die Obere Stadt in Kronach schreitend unterwegs war, dann wäre ich sicher nicht mehr zum Rathausplatz gegangen, um diese Stimmung festzuhalten (siehe Photo).

 

Stenor aus Cranach ist multilokal…

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