Geistige Kinder

Albert, ein kleiner junger Mann, der gerade seinen 14. Geburtstag gefeiert hat, war in vielen Dingen – wie es sich für einen 14-Jährigen auch gehört – noch sehr kindlich veranlagt. Doch in manchen Punkten war er bereits sehr erwachsen. Erwachsen musste er auch schnell werden, denn in seiner Familie waren viele seiner Geschwister hochbegabt, was sich vor allem immer dann zeigte, wenn die Familie gemeinsam ihr Abendbrot zu sich nahm, denn dann wurde über erlerntes, erlebtes und über weitere Vorhaben gesprochen und daraus wurde gar zu oft ein kleiner interner Wettstreit unter den Kindern. Und Albert hatte es da wirklich nicht leicht, der Vater, ein studierter Mathematiker, der um Haaresbreite einen Nobelpreis erhalten hätte, und die Mutter, eine promovierte Volkswirtschaftlerin, die es nach dem Erhalt ihrer Doktorwürde vorzog sich voll und ganz der Familie und vor allem den Kindern zu widmen. Albert war der Zweitjüngste, nur noch Marie war als Nachzüglerin mit ihren zwei Jahren die Letzte der Sprösslinge und sehr viel jünger als Albert und sie war es dann auch, die vom Vater nur so mit Liebe überschüttet wurde, denn irgendwie hat er im Laufe der Zeit doch bemerkt, dass der Beruf zwar wichtig, aber nicht alles im Leben sein kann. Eines Abends, als die Familie gerade wieder beim Abendbrot saß, stand Albert auf, zog einen Zettel aus seiner Hose und begann folgendes vorzutragen:

«Wir sind alle geistige Kinder der Medien, geistige Kinder der Gesellschaft und wir lieben die Dinge, die wir als Kinder von unseren Vertrauten hörten – wir schenkten den Boten und Übermittlern einen Vertrauensvorschuss. Wir lieben alle, die unsere eigenen Meinungen teilen, und wir gehen gedanklich mit allen und jedem auf Kriegsfuß, die uns Unbekanntes oder stigmatisiertes Bekanntes erzählen. Wir lassen unsere politischen Führer zu Familienmitgliedern werden und nennen sie seit der Neuzeit «Mutti». Wir sind geistige Kinder und wir schenken gerne den Experten in Radio und Fernsehn Vertrauen und wer Experte ist, der muss es ja wissen. Politische Vorbilder leben und sprechen uns vor, was uns Tugend und was uns Vorbild sei, es gibt häufig keine Alternativen und die einzige Möglichkeit sei dieses oder jenes. Wir glauben an den «Black Friday» und wir möchte allem und jedem helfen. Wir prangern gerne alles an, was nur einen Hauch von Konservativität besitzt und loben alles, was aus den 68’ern hervorging. Wir werden erzogen und gebildet von den fossilen Überbleibseln einer Zeit, in der das Auflehnen gegenüber dem Establishment mehr Mode, als eine politische Haltung war. Wir leben nicht mehr von und aus Büchern, wir leben vom Hörensagen und Glauben an vergöttlichte Vorbilder aus Hollywood. Unsere Vorfahren strafen wir mit Verachtung ab und ein kurzer Zeitstrahl im Laufe der sehr langen Geschichte dient uns als Hauptklassifizierungsgrund, um ganze Generationen abzuwerten, zu stigmatisieren und zu verurteilen. Wir sind entsetzt, wenn, wie aus dem Nichts, Parteien wieder das Licht der Welt erblicken, die Angst und Schauer auf so manchen geprägten fossilen Gedankenfriedhof erscheinen lassen. Wir glauben, wir wüssten alles und vor allem besser, haben aber von den wirklich wichtigen Dinge keinerlei Ahnung und es fehlt allerorts an Orientierung. Wir nutzen die modernste Technik, müssen aber auf dem Smartphone nachschauen, um zu erfahren, wie man beim Zelten unterwegs mit der katholischen Jugend Feuer ohne Feuerzeug und ohne Streichholz macht. Wir setzen unsere Kinder vor die Glotze, weil wir nicht mehr in der Lage sind für die Dinge, die wir verursachten, Verantwortung zu übernehmen. Wir helfen keinen alten Menschen mehr über die Strasse, wir hupen, wenn sie zu langsam den Fußgängerüberweg kreuzen. Wir schauen zu, bei all den Dingen, die um uns herum geschehen und warten schlaftrunken auf das nächste «Event», wo wir bei Whisky und Bier die Tristesse des Alltags vergessen können. Wer liest ist «out», wer Gegenpositionen einnimmt, ist geächtet.»

Albert nahm wieder platz, knüllte den Zettel zusammen, um ihn in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Es herrschte Totenstille am Tisch. Albert nahm seinen Löffel zur Hand, führte in zum Mund, um noch kurz vor dem Verkosten der Nachspeise leise zu sagen: «Ich mach‘ da nicht mehr mit. Ich habe keine Lust mehr. Ich bin ich und ihr seid ihr!»

Was folgte, das war der entspannteste Abend seit langer Zeit im Kreise dieser Familie. Keiner versuchte mehr so zu sprechen und so zu sein, wie er glaubte, dass es die Anderen erwarten würden. Jeder sprach und verhielt sich so, wie er wirklich war, die Eltern erfuhren an diesem Abend mehr aus dem Leben ihrer Kinder als jemals zuvor und ab diesen Tag war alles anders.

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